03
FEB
2026

Die Erosion der Friktion: Zur Krise der Autonomie im Zeitalter generativer Delegation

Modul A: Das Dispositiv der Medialität – Denken als technisches Korrelat

 

Die Medialität des Geistes: Jenseits des Werkzeugbegriffs

Mediengeschichte wird oft missverstanden als eine bloße Chronologie technischer Innovationen, als eine Kette von Erfindungen, die dem Menschen das Leben sukzessive erleichtert haben. Doch diese Sichtweise verkennt die fundamentale Konstitution des Menschlichen. Folgt man der Medientheorie von Friedrich Kittler (wie er sie in Aufschreibesysteme 1800/1900 darlegt), so sind Medien keine neutralen Vehikel, die bereits existierende Gedanken von A nach B transportieren. Vielmehr sind sie operative Dispositive – materielle und strategische Anordnungen –, die allererst den Raum dessen abstecken, was innerhalb einer Epoche sagbar, sichtbar und damit denkbar wird. Kittlers Diktum, dass Medien „unsere Situation bestimmen“, zielt auf die Einsicht, dass es kein medienfreies Denken gibt. Jede Form der Kognition ist an eine technische Struktur rückgebunden.

Der archaische Widerstreit: Platon und die Externalisierung

Der Konflikt um die technologische Delegation des Geistes beginnt nicht erst mit dem Silicon Valley; er ist so alt wie die abendländische Philosophie selbst. In Platons Dialog Phaidros (Φαῖδρος, was als Eigenname im Griechischen den „Leuchtenden“ oder „Strahlenden“ meint) begegnen wir der Urszene der Medienkritik. Sokrates erzählt dort die Mythe vom Gott Theuth, der dem ägyptischen König Thamus die Kunst der Schrift als Geschenk überreicht. Thamus jedoch lehnt das Geschenk ab: Die Schrift werde nicht das Gedächtnis stärken, sondern im Gegenteil die „Vernachlässigung des Gedächtnisses“ bewirken. Platon argumentiert, dass die Schrift eine Täuschung evoziere. Sie biete den Lernenden ein „Phantasma von Weisheit“, da sie das Wissen aus dem lebendigen, dialogischen Vollzug in die stumme Externalität des Zeichens (σημεῖον – semeion; im Kontext: das starre, äußere Merkmal) überführe. Wer liest, so die Sorge, wähnt sich wissend, ohne den mühsamen Prozess der Anverwandlung durchlaufen zu haben. Das Wissen wird hier erstmals delegierbar und damit von der leiblichen Erfahrung entkoppelt.

Vom Buchdruck zur visuellen Evidenz: Die Transformation der Aufmerksamkeit

Diese Geschichte der Externalisierung setzt sich im Buchdruck fort. Die Historikerin Elizabeth Eisenstein hat in ihrem Werk The Printing Press as an Agent of Change dargelegt, wie die „Fixierung“ des Textes Diskurse stabilisierte. Doch mit der Stabilität kam auch die erste Form der kognitiven Überforderung. Mit dem Aufkommen der Fotografie und des Films vollzog sich eine weitere Verschiebung. Walter Benjamin analysierte dies in seinem Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit meisterhaft als „Chockerfahrung“. Die Kamera, so Benjamin, greift in die optische Unbewusstheit ein und verändert unsere Wahrnehmung fundamental. Der Film zwang das Denken in einen neuen Rhythmus, der weniger auf tiefer Kontemplation als auf der Montage von Fragmenten basierte.

Die Zäsur der generativen KI: Das Zeitalter des Operationsmediums

Doch während Schrift, Buchdruck und Film primär die Speicherung und Übertragung von Zeichen organisierten, greift die generative KI tiefer in das Gefüge des Geistes ein. Wir verlassen das Zeitalter des Repräsentationsmediums und treten in das des Operationsmediums ein. Was bedeutet dieser Begriff im Detail? In einem Repräsentationsmedium (wie einem Buch oder einem Foto) bleibt die Trennung zwischen dem Erzeuger des Inhalts und dem Trägermedium gewahrt. Die Technik ist ein passives Substrat. Ein Operationsmedium hingegen – befeuert durch Large Language Models (LLMs) – ist aktiv. Es „rechnet“ Bedeutung aus Wahrscheinlichkeiten. Die Technik fungiert nicht mehr nur als Bote, sondern als ein aktiver Operator, der in jene kognitiven Vollzüge eingreift, die wir bisher als den exklusiven Kern der menschlichen Subjektivität begriffen haben: das Formulieren, das Strukturieren, das Synthetisieren. Wenn symbolische Produktion delegierbar wird, verschiebt sich die Grenze des Subjekts. Wir stehen vor einer Situation, in der die technische Prothese nicht mehr nur das Gedächtnis stützt, sondern den Akt des Denkens selbst simuliert und damit substituiert. Dies stellt die philosophische Frage nach der Autonomie (αὐτονομία – autonomia; sich selbst Gesetze gebend / Selbstbestimmung) unter völlig neuen Vorzeichen: Was bleibt vom denkenden Ich, wenn der Prozess der Gedankenbildung an einen Algorithmus ausgelagert wird, der schneller, glatter und kohärenter antwortet, als es das mühsame menschliche Bewusstsein (συνείδησις – syneidesis; Mit-Wissen / das innere Mit-Sich-Gezweitsein) je könnte?

 

Modul B: Vertiefung der Resonanztheorie im Kontext der Digitalisierung

Das Projekt der Moderne: Weltreichweitenvergrößerung und Verfügbarmachung

Um die Wirkung generativer KI auf das menschliche Denken zu verstehen, muss man sie in den größeren soziologischen Rahmen einordnen, den Hartmut Rosa als das „Projekt der Moderne“ definiert. Nach Rosa ist die moderne Gesellschaft durch einen strukturellen Zwang zur dynamischen Stabilisierung gekennzeichnet: Sie kann sich nur erhalten, indem sie stetig wächst, beschleunigt und ihre technologischen Zugriffsmöglichkeiten erweitert. Das treibende Motiv hinter dieser Bewegung ist die Weltreichweitenvergrößerung. Alles, was uns fern, rätselhaft oder entzogen ist, soll berechenbar, erreichbar und damit verfügbar gemacht werden. Die Digitalisierung war bisher der mächtigste Motor dieses Prozesses. Das Smartphone hat den physischen Raum komprimiert, Suchmaschinen haben das Weltwissen in Millisekunden abrufbar gemacht. Doch generative KI stellt eine neue Eskalationsstufe dar. Sie macht nicht mehr nur Informationen verfügbar, sondern die Formgebung des Geistes selbst. Wo früher das Schreiben eines Textes oder das Entwickeln einer Argumentation eine zeitliche und kognitive Barriere darstellte – eine Zone der Unverfügbarkeit, die mühsam durchschritten werden musste –, bietet die KI nun die prompte Transformation von der vagen Intention zum fertigen Symbolprodukt.

Die Anatomie der Resonanz: Affizierung und Selbstwirksamkeit

Rosa setzt dieser Logik der Verfügbarmachung das Konzept der Resonanz entgegen. Resonanz ist keine bloße Übereinstimmung oder ein Wohlfühlzustand; sie ist eine spezifische Form der Weltbeziehung, die durch vier Merkmale definiert ist: Affizierung (Af): Das Subjekt wird von etwas „da draußen“ berührt oder angesprochen. Es begegnet einem Widerstand, einer Idee oder einem Problem, das es nicht kalt lässt. Selbstwirksamkeit (E): Das Subjekt antwortet auf diesen Ruf. Es tritt in eine handelnde Beziehung zum Gegenstand und erfährt, dass sein Tun eine Wirkung hat. Transformation (T): Im Prozess dieser Wechselwirkung verändern sich sowohl das Subjekt als auch sein Verhältnis zur Welt. Echtes Denken hinterlässt Spuren im Denkenden. Unverfügbarkeit (U): Resonanz lässt sich nicht erzwingen. Sie braucht einen Rest an Unberechenbarkeit. Man weiß zu Beginn eines Schreibprozesses nicht exakt, wo man am Ende ankommen wird. Genau hier setzt die Kritik an der KI-gestützten Delegation an. Wenn ein Schüler oder Wissenschaftler den Kernprozess der Formulierung an ein Large Language Model (LLM) delegiert, kollabiert das Resonanzdreieck.

Die KI fungiert als Puffer, der die Affizierung verhindert. Das Problem wird nicht mehr „erlitten“ oder „durchdacht“, sondern „gelöst“. Die Selbstwirksamkeit schrumpft auf den Akt des Promptens – eine Form der Macht, die Rosa als „beziehungslose Beherrschung“ bezeichnen würde.

Die Verstummung der Welt: Entfremdung durch Glätte

Wenn die Welt (oder ein philosophisches Thema) vollkommen verfügbar wird, beginnt sie laut Rosa zu „verstummen“. Ein Gegenstand, der keinen Widerstand mehr leistet, verliert seinen Eigensinn. In der Arbeit mit generativer KI erleben wir eine paradoxe Form der Entfremdung: Das Subjekt ist zwar von immer mehr Inhalten umgeben, aber es ist mit diesen Inhalten nicht mehr verbunden. Diese algorithmische Verstummung manifestiert sich in der Glätte. Wer mit KI arbeitet, überspringt die „Zone der Friktion“. Friktion meint hier die produktive Irritation: das Stocken im Satzbau, das Nicht-Finden des passenden Begriffs, das Scheitern an einer logischen Herleitung. In der Resonanztheorie sind genau diese Momente des Stockens die Stellen, an denen das Subjekt gezwungen ist, sich wahrhaft mit dem Stoff auseinanderzusetzen. Die KI hingegen glättet diese Unebenheiten sofort. Sie liefert eine Antwort, bevor die Frage im Subjekt überhaupt erst „ausreifen“ konnte. Damit wird die generative KI zum Agenten einer tiefgreifenden Resonanzkatastrophe: Wir verfügen über das Wissen der Welt, aber wir haben keine Beziehung mehr zu ihm.

Digitalisierung als Beschleunigung der inneren Entfremdung

Man kann die generative KI als den Endpunkt einer Entwicklung sehen, die nun die letzte Bastion der menschlichen Subjektivität besetzt: die Sprache (λόγος – logos). Sprache ist das primäre Medium unserer Weltanverwandlung. Wenn wir sprechen oder schreiben, ordnen wir nicht nur Zeichen an; wir ordnen unsere Beziehung zur Wirklichkeit. Wird dieser Prozess automatisiert, findet eine Entkoppelung von Denken und Ausdruck statt. Das Subjekt konsumiert seine eigenen Gedanken als fremde Produkte. In der Oberstufenlehre lässt sich das am „gläsernen Blick“ der Schüler ablesen, die ihre eigenen (KI-generierten) Texte vorlesen: Sie erkennen die Worte, aber sie bewohnen sie nicht. Sie sind zu Operatoren in einem „Resonanzraum ohne Echo“ geworden. Sie senden Signale in die Black Box der KI und erhalten perfekte Signale zurück, aber dazwischen liegt kein Raum für jene transformative Erfahrung, welche die klassische Paideia (παιδεία) eigentlich ausmacht. Denn im Kern bedeutet Paideia (παιδεία) eben jenes Abmühen und Belasten, das erst Agency (Handlungsmacht) ermöglicht.

Das Versprechen der Effizienz vs. das Bedürfnis nach Resonanz

Die spätmoderne Ideologie der Effizienz suggeriert, dass jede eingesparte Minute beim Schreiben ein Gewinn an Freiheit sei. Doch aus resonanztheoretischer Sicht ist das Gegenteil der Fall. Die „eingesparte“ Zeit beim Denken führt zu einem Verlust an Weltbeziehung. Die Freiheit, die wir durch die KI gewinnen, ist eine leere Freiheit – eine Freiheit ohne Erfahrungsgrundlage. Wir müssen uns daher fragen, ob die totale Verfügbarkeit von Reflexion nicht letztlich zur intellektuellen Depression führt: einer Welt, in der alles sagbar ist, aber nichts mehr eine Bedeutung hat, die über die statistische Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Der Widerstand, die Friktion und die mühsame Anverwandlung sind keine Fehler im System, sondern die notwendigen Bedingungen dafür, dass Welt für uns überhaupt erst „tönen“ kann. Ohne diese Mühsal der Paideia (παιδεία) bleibt nur das Verstummen.

 

Modul C: Phänomenologie der algorithmischen Glätte – Eine schulpraktische Fallstudie

Der Kontext: Das Laboratorium des Denkens

Die Untersuchung fand im Rahmen eines zweimonatigen Projektkurses einer berliner gymnasialen Klasse im Fach Philosophie statt. Das didaktische Ziel war die Erprobung des Essayfilms als Werkzeug der Erkenntnisgewinnung. In Abgrenzung zum klassischen Referat oder der schriftlichen Klausur sollte der Essayfilm als „denkendes Bild“ fungieren. Die Schüler standen vor der Herausforderung, komplexe philosophische Fragestellungen – etwa zur Natur der Gerechtigkeit, zur Existenz des freien Willens oder zur utopischen Gestaltung der Gesellschaft – nicht bloß zu illustrieren, sondern sie im Medium des Films auszuagieren. Dabei zeigte sich schnell, dass nicht der Zeitmangel das Hauptproblem darstellte, sondern die plötzliche Verfügbarkeit von Werkzeugen, die den intellektuellen Prozess schlichtweg übersprangen.

Phase 1 (Woche 1–2): Die Ästhetik des Widerstands

In den ersten zwei Wochen war das Projekt von produktiver Nicht-Verfügbarkeit geprägt. Die Schüler:innen erlebten die heilsame Überforderung durch das Material: Die Hürde des Bildes: Eigene Aufnahmen leisteten Widerstand. Die Schüler mussten lernen, dass ein Bild nicht automatisch „bedeutet“, sondern erst in der Montage eine philosophische Aussage gewinnt. Die Hürde der Stimme: Das Verfassen des Off-Kommentars war ein mühsamer Prozess des Formulierens. In dieser Friktion entstand die notwendige Langsamkeit. In der Verzögerung zwischen dem Gedanken und dem geschriebenen Wort entstand die erste echte Bindung zum Thema.

Phase 2 (Woche 3–5): Die Überforderung durch Möglichkeiten

In der Mitte des Projekts kippte die Dynamik. Es war nicht der Zeitdruck, der zur Delegation zwang, sondern die schiere Verlockung der totalen Machbarkeit durch generative KI. Die Delegations-Eskalation: Die Möglichkeit, per Prompt perfekte Skripte und Bilder zu generieren, bot eine Abkürzung an, der die Schüler:innen kognitiv nichts entgegenzusetzen hatten. Die Technik überforderte sie, indem sie ihnen die Notwendigkeit der eigenen Entscheidung abnahm. Der Verlust des Eigensinns: Wo alles möglich ist, wird nichts mehr notwendig. Die Schüler:innen diskutierten nicht mehr über die Wahrheit einer These, sondern nur noch über die Ästhetik des algorithmischen Outputs. Das Thema wurde vollkommen verfügbar und verlor damit seinen „Ruf“.

Phase 3 (Woche 6–8): Das Symptom der Verstummung

Die Endphase offenbarte die Folgen dieser Überforderung als eine Simulation von Reflexivität: Die rhetorische Maske: Die KI-generierten Voice-Overs klangen hochtrabend, doch die Schüler konnten die Argumente im Plenum nicht verteidigen. Sie waren von der sprachlichen Souveränität ihrer eigenen Texte entfremdet. Die Leere des Bildes: Die generierten Bilder waren semantisch stumm. Da der Prozess des Suchens fehlte, gab es keine Indexikalität mehr – keine Spur der persönlichen Auseinandersetzung. Entfremdung: Die Schüler behandelten ihre Filme wie fremde Produkte. Es gab keine Identifikation mehr, da sie nicht mehr Subjekte einer Erfahrung, sondern nur noch Anwender einer übermächtigen Technologie waren.

Kritische Analyse: Die Macht der Möglichkeiten

Die Fallstudie zeigt, dass die Verfügbarkeit von KI die Schüler:innen in eine Rolle drängt, für die sie noch keine Abwehrmechanismen entwickelt haben. Die Autoritäts-Falle: Die Perfektion der KI wirkt so einschüchternd, dass der eigene, noch unfertige Gedanke als minderwertig verworfen wird. Die Möglichkeit zur Perfektion führt zur Kapitulation des Eigensinns. Die Resonanz-Falle: Die totale Machbarkeit verhindert die Affizierung (πάθος – pathos; das Erleiden / die leidenschaftliche Ergriffenheit). Wenn man das Ergebnis bereits vor dem Denken generieren kann, findet keine innere Transformation mehr statt.

 

Modul D: 

Analyse und Transfer – Das Pharmakon (φάρμακον) der Autonomie und die Verteidigung des Denkens

Die pharmakologische Natur der Technik: Heilmittel und Gift

Um die Ergebnisse der Fallstudie theoretisch zu fassen, ist der Rückgriff auf Bernard Stiegler und sein Konzept des Pharmakons (φάρμακον – pharmakon; das Heilmittel, das zugleich Gift ist) unerlässlich. Stiegler greift Platons Phaidros auf und radikalisiert die dortige Medienkritik: Jede technische Prothese – von der Schrift bis zur KI – ist ein Pharmakon, das heißt, sie ist zugleich Gift und Heilmittel. KI als Gift: In der Fallstudie wirkte die KI toxisch auf den Bildungsprozess, da sie zur Proletarisierung führte. Proletarisierung bedeutet hier den Verlust von Wissen: Die Schüler verloren das savoir-faire (das Wissen, wie man einen Gedanken filmisch montiert) und das savoir-vivre (das Wissen, wie man sich zu einer utopischen Idee existentiell verhält). Indem die KI den Prozess durch das Resultat ersetzte, kurzschloss sie die Gehirne der Lernenden. Die Anstrengung des Denkens wurde als überflüssig wegrationalisiert. KI als Heilmittel: Das Pharmakon wird zum Heilmittel, wenn es die kognitiven Fähigkeiten nicht ersetzt, sondern herausfordert. In jenen Momenten des Kurses, in denen die Schüler die KI als fremdes Gehirn begriffen, dessen logische Lücken und statistische Vorurteile sie dekonstruieren mussten, wirkte die Technik katalytisch. Sie zwang die Schüler:innen in eine Position der Meta-Reflexion, die ohne die Konfrontation mit dem Apparat vielleicht nie erreicht worden wäre.

Die Simulation von Reflexivität und die Krise der Agency

Ein zentrales Ergebnis der Analyse ist die Feststellung, dass wir es bei generativer KI mit einer Verschiebung der Evidenz zu tun haben. Während frühere Medien die Wirklichkeit abbildeten, simuliert die KI die Operation des Geistes. Für die Bildung bedeutet dies eine fundamentale Krise der Agency. Hierbei ist an die ursprüngliche Bedeutung der Paideia (παιδεία – paideia; Mühsal / Belastung) zu erinnern, die im antiken Kontext weit über den heutigen Begriff der Allgemeinbildung hinausging und präzise das Abmühen oder Belasten des Heranwachsenden bezeichnete. Ohne diese Selbst-Belastung und die damit verbundene Mühe entsteht kein Wissensgewinn und keine genuine Handlungsfähigkeit. Das Selbst agiert in einem solchen Prozess nicht mehr, es reagiert nicht einmal auf den Gegenstand; es plappert lediglich einen fremden Gedanken nach, ohne in eine transformative Interaktion (μετάνοια – metanoia; Umdenken / innere Wandlung) mit ihm zu treten. Wir stehen vor dem Problem der leeren Exzellenz: Ergebnisse entsprechen dem Erwartungshorizont eines Philosophie-Abiturs, ohne dass die Kompetenzen im Individuum präsent sind. Dies ist eine strukturelle Entmündigung durch den Apparat.

Die Verarmung der Kommunikation: Der doppelte Schein

Wenn die Mühe der Paideia entfällt, kollabiert konsequenterweise auch die reale Kommunikation. Da die KI als „handelnde Instanz“ (in der Soziologie: "Agens") vorausgesetzt wird, stumpft der Empfänger der Botschaft ab. Er hört nicht mehr wahrhaft zu, da er um den Mangel an einer genuinen, interpersonellen Begegnung weiß. Es entsteht ein ritueller Doppelschein: Der Sender simuliert die Produktion einer eigenen Botschaft, während der Empfänger die Interpretation dieser Botschaft lediglich vorgibt. Ohne den Ernst der persönlichen Äußerung und jenseits von Gestik und Mimik führt diese algorithmische Vermittlung zu einer radikalen Verarmung des Austauschs. Kommunikation wird hier zu einem Prozess, in dem keine Subjekte mehr anwesend sind, sondern nur noch automatisierte Zeichenfolgen zirkulieren.

Transfer: Autonomie als Widerstandspraxis (Friction-Maxxing)

Aus der Fallstudie lässt sich eine neue Definition von Autonomie (αὐτονομία – autonomia; Selbstgesetzgebung) unter KI-Bedingungen ableiten. Autonomie ist nicht mehr die Freiheit, Technik zu nutzen, sondern die Freiheit, die Delegation zu begrenzen. In Anlehnung an das Schlagwort des Friction-Maxxing muss Pädagogik heute als eine Erziehung zur produktiven Reibung begriffen werden. Wir müssen Räume schaffen, die Rosa als unverfügbar und Stiegler als Otium (entsprechend der griechischen σχολή – scholé für Muße/Nicht-Funktionalität) bezeichnen würde. Die Verteidigung der Phase Null: In der Lehre muss die Phase des produktiven Nicht-Wissens, des ziellosen Suchens und der begrifflichen Not sakrosankt (unantastbar und vor jedem Eingriff geschützt) werden. Jede frühzeitige Nutzung von KI-Generatoren in dieser Phase wirkt wie ein intellektuelles Herbizid, ein Stoff, der das eigenständige Denken abtötet, bevor es wachsen kann bzw. tötet er die zarten Keime eigener Fragestellungen ab, bevor sie Wurzeln schlagen können. Ohne die Last der Anstrengung gibt es keine Agency. Die Sichtbarmachung der Narben: Wenn KI genutzt wird, muss die Nahtstelle zwischen Mensch und Maschine zum eigentlichen Thema werden. Die Schüler:innen müssen lernen, die Brüche, die Fehler und die Halluzinationen (das Erfinden von falschen Informationen, die täuschend echt klingen) der KI nicht zu glätten, sondern als produktive Irritationen in ihre Arbeit einzubauen.

Pädagogische Konsequenzen für das 21. Jahrhundert

Für ein Fachbuch über Medienbildung ergibt sich daraus ein klarer Forderungskatalog: Vom Produkt zum Prozess: Die Bewertung von Schülerleistungen muss sich radikal vom Endprodukt weg hin zur Dokumentation des Denkweges verschieben. Skizzenbücher, Reflexionsprotokolle und mündliche Verteidigungen gewinnen an Gewicht. Die Montage als Argument: Im Sinne des Essayfilms muss die Technik der Montage als Methode des Denkens rehabilitiert werden. Montage bedeutet Auswahl gegen den Widerstand des Materials. Schüler müssen lernen, warum ein Bild nicht passt – eine Kompetenz, die im Zeitalter der passenden KI-Bilder verloren zu gehen droht. Die Leiblichkeit der Erfahrung: Um dem Verstummen der Welt entgegenzuwirken, müssen philosophische Themen wieder an die leibliche Erfahrung der Schüler rückgebunden werden. Eine KI kann keine Angst, keine Sehnsucht und keine Scham empfinden. Nur über diese resonanztheoretischen Ankerpunkte lässt sich ein Denken stabilisieren, das nicht delegierbar ist.

Fazit: Die Rückkehr des Subjekts durch die Krise

Die generative KI ist für die Philosophie und ihre Vermittlung kein bloßes Update, sondern eine existentielle Herausforderung. Sie zwingt uns, den Kern dessen, was wir Denken nennen, neu zu bestimmen. Wenn die reibungslose Produktion von Symbolen technisch simulierbar ist, rückt die nicht-delegierte Erfahrung – die Mühsal der Paideia  – wieder in das Zentrum der Bildung. Das Ziel eines modernen Philosophieunterrichts kann es nicht sein, KI-Kompetenz im Sinne einer reinen Bedienungsanleitung zu vermitteln. Vielmehr geht es um die Ausbildung einer subjektiven Widerstandskraft. Die Schüler müssen begreifen, dass sie durch jede Delegation ein Stück ihrer eigenen Resonanzfähigkeit opfern. Wahre Autonomie erweist sich somit als die Fähigkeit, in einer glatten Welt bewusst hastig, holprig und wahrhaftig zu sein. Wir müssen das Denken nicht vor der Technik schützen, sondern die Technik so in das Denken einbetten, dass die Friktion erhalten bleibt – denn nur wo es reibt, entsteht Wärme, und nur wo es Widerstand gibt, entsteht Licht.

 

Der Essay bezieht sich u.a. auf Gedanken aus folgenden Publikationen: 

Benjamin, Walter (1963): Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Esposito, Elena (2022): Artificial Communication. How Algorithms Comfort Conformity. Cambridge, MA: MIT Press.

Flusser, Vilém (1991): Gesten. Versuch einer Phänomenologie. Düsseldorf: Bollmann.

Gabriel, Markus (2024): Der Sinn des Denkens. Berlin: Ullstein.

Gertenbach, Lars / Laux, Henning (2021): Hartmut Rosa zur Einführung. Hamburg: Junius.

Han, Byung-Chul (2015): Die Errettung des Schönen. Frankfurt am Main: Fischer.

Kittler, Friedrich (1985): Aufschreibesysteme 1800/1900. München: Fink.

Kittler, Friedrich (1986): Grammophon, Film, Typewriter. Berlin: Brinkmann & Bose.

Lütge, Christoph (2022): Ethik der Künstlichen Intelligenz. München: C.H. Beck.

Mainzer, Klaus (2024): Künstliche Intelligenz – Wann übernehmen die Maschinen? Berlin: Springer.

Nassehi, Armin (2019): Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. Hamburg: Kursbuch Kulturstiftung.

Platon: Phaidros.

Rosa, Hartmut (2016): Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.

Rosa, Hartmut (2018): Unverfügbarkeit. Wien: Residenz Verlag.

Stiegler, Bernard (2009): Technik und Zeit. Band 1: Die Schuld des Epimetheus. Zürich: Diaphanes.

Sudmann, Andreas (Hrsg.) (2018): The Democratization of Artificial Intelligence. Net Politics in the Era of Learning Algorithms. Bielefeld: transcript.

03
JAN
2026

Die verlorene Szene: Aufmerksamkeit im Zeitalter des Scrollens

Wir sehen mehr als je zuvor und erleben doch immer weniger. Fünf Minuten auf dem Smartphone, dreißig auf Netflix, unterbrochen von Benachrichtigungen, Likes, Chatblasen – Bilder sind überall, aber nirgends vollständig. Sie begegnen uns, ziehen vorüber, ohne zu verweilen. Das Sehen selbst ist zerfallen. Wir navigieren durch Bruchstücke, greifen nach Momenten, nicht nach Tiefe. Und so ist es nicht die Welt der Bilder, die geschwächt ist, sondern unsere Fähigkeit, bei ihnen zu bleiben.

Aufmerksamkeit war einst eine Gabe, heute ist sie ein knapper Rohstoff, verteilt, extrahiert, fragmentiert. Yves Citton erinnert uns daran: Aufmerksamkeit ist ökologisch organisiert, nicht selbstverständlich. Digitale Plattformen konkurrieren nicht um Inhalte, sondern um Sekunden, Minuten, Augenblicke. Jonathan Crary zeigt, dass wir in einer 24/7-Logik leben, einem Regime permanenter Wachheit, in dem Unterbrechung nicht Störung, sondern Prinzip ist. Wir springen, wir prüfen, wir testen – was nicht sofort wirkt, verschwindet. Dauer wird zur Ausnahme, selten, kostbar, fast subversiv.

Das Kino war anders. Dunkelheit, kollektive Stille, die geschlossene Zeit eines Films – alles zwang zur Hingabe. Francesco Casetti beschreibt, wie sich das Kino heute „relokalisiert“: der Film ist allgegenwärtig, aber fragmentiert. Jede Szene kann gestoppt, übersprungen, ersetzt werden; das Werk existiert nicht mehr in der Zeit, sondern als Zugriff. Sehen wird zur Navigation, jeder Blick ein Test, jeder Moment ein Sprung. Die Relokalisierung des Films hat die Erfahrung selbst zersetzt: nicht abgeschafft, nur verlagert.

Walter Benjamin unterschied zwischen kontemplativer und zerstreuter Wahrnehmung. Das Kino war bereits ein Schritt zur Zerstreuung, doch sie war rhythmisch, kollektiv, begrenzt. Heute ist Zerstreuung erratisch, individuell, unendlich. Bilder hinterlassen keine Spuren; sie werden aufgerufen, konsumiert, überschrieben. Bernard Stiegler spricht vom Verlust retentiver Aufmerksamkeit: Gedächtnis wird fragmentiert, Erfahrung löst sich auf. Wo keine Dauer bleibt, kann keine Narration entstehen, kein Gedächtnis, keine Intensität, die sich entfaltet, keine Erfahrung, die akkumuliert.

Aufmerksamkeit kennt keinen Anfang und kein Ende. Sie tastet, springt, prüft. Das Bild wird nicht betrachtet, es wird aufgerufen. Wer verweilt, ist Ausnahme; wer nur springt, wird Routine. Die Sprungfähigkeit ersetzt die Erfahrung, die Fragmentierung ersetzt die Dauer. Aber gerade hierin liegt die Möglichkeit: Wer verweilt, wer sich gegen die Logik der Unterbrechung stellt, entdeckt noch Räume, in denen Bilder wirken, Momente sich entfalten, Erfahrung entsteht. Dauer wird zum Akt, Aufmerksamkeit zum Widerstand, Sehen zur Praxis.

Fragmentierte Aufmerksamkeit ist nicht moralisch zu werten, sie ist phänomenologisch zu erfassen: sie zeigt die Struktur unserer Zeit. Wir können die Sprünge nicht abschaffen, aber wir können wählen, wie wir verweilen, welche Momente wir strecken, welche Sequenzen wir zulassen. Wer Aufmerksamkeit beansprucht, verwandelt Zugriff in Erfahrung, Fragment in Dauer, Abruf in Betrachtung. Wer verweilt, erzeugt Sinn. Wer nur aufruft, erlebt Leere.

Die Herausforderung liegt darin, diese Praxis bewusst zu gestalten. Nicht um Nostalgie zu beschwören, sondern um die Bedingungen des Sehens selbst zu erkennen: die Sprünge, die Lücken, die stummen Momente, die in ihrer Flüchtigkeit Kraft entfalten. Dauer ist kein Naturgesetz, sie ist ein Akt, ein radikaler Widerstand gegen Unterbrechung, ein Moment der Freiheit.

Und am Ende bleibt die Frage, die sich jeder stellen muss: Können wir in dieser Welt der Impulse, der Unterbrechungen, der Bruchstücke wieder lernen, Momente zu halten, Aufmerksamkeit zu strecken, Erfahrung zu erzeugen, nicht nur Eindruck? Die Antwort liegt nicht in der Flucht aus den Medien, sondern in der Praxis des Sehens, die verweilt, beansprucht, sich Zeit nimmt. Aufmerksamkeit ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Sie ist Freiheit und Experiment zugleich – die Möglichkeit, aus dem Sprung heraus Dauer zu schaffen, aus der Fragmentierung Erfahrung, aus dem Zugriff Sehen.

 

Der Essay fußt auf Reflexionen und Konzepten aus der Philosophie, Medien- und Kulturtheorie:

Benjamin, W. (1936). Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Berlin: S. Fischer.

Casetti, F. (2008). The Lumière Galaxy: Seven Key Words for the Cinema to Come. New York: Columbia University Press.

Citton, Y. (2014). Pour une écologie de l’attention. Paris: Les Liens qui Libèrent.

Crary, J. (2013). 24/7: Late Capitalism and the Ends of Sleep. London: Verso.

Stiegler, B. (2010). Taking Care of Youth and the Generations. Palo Alto, CA: Stanford University Press.

Stiegler, B. (2015). La société automatique 1: L’avenir du travail. Paris: Fayard.

24
JUL
2019

Was der Blick nicht sagt: Der forschende Film von Paravel & Castaing-Taylor

Diesen Sommer zeigt das silent green Kulturquartier in Berlin die erste umfassende Retrospektive der beiden Filmemacherinnen und Anthropologinnen Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor. Unter dem Titel Breathing Matter(s) versammelt die Ausstellung zentrale Arbeiten des Duos – Filme und Installationen, die weit über das dokumentarische Genre hinausweisen. Was hier entsteht, ist kein klassisches Erzählen, sondern eine immersive Erfahrungsarchitektur zwischen Bild, Körper und Bewusstsein.

Paravel und Castaing-Taylor stehen für ein Kino, das sich dem erklärenden Zugriff entzieht. Als Anthropolog*innen – Castaing-Taylor auch Gründer des Sensory Ethnography Lab in Harvard, Paravel zudem als Fotografin tätig – haben sie sich bewusst von der sprachbasierten Repräsentation kultureller Erfahrung abgewendet. Ihr Ziel ist ein Film, der nicht übersetzt, sondern spürbar macht – roh, poetisch, forschend.

Ein herausragendes Beispiel ist die Installation „Commensal“, basierend auf ihrem Film Caniba (2017). Im Zentrum steht Issei Sagawa, ein verurteilter Kannibale, der in Japan mit seiner Tat offen lebt. Die Kamera bleibt unnachgiebig nah, der Film verzichtet vollständig auf erklärende Instanzen. Kein Voice-Over, keine Distanzierung. Die ethische Spannung entsteht gerade durch das Aushalten dieser Nähe – und durch das Vertrauen, dass das Bild selbst trägt. 

Noch unmittelbarer tritt diese Denkfigur in „De Humani Corporis Fabrica“ zutage: Die Arbeit zeigt medizinische Spezialaufnahmen aus Pariser Krankenhäusern – chirurgische Eingriffe, Arterien, Organe in Nahaufnahme. Der menschliche Körper wird hier nicht metaphorisch, sondern ganz wörtlich zum Austragungsort existenzieller Fragen. In einer besonders eindrücklichen Szene blickt eine Kamera reglos in den Empfang einer Notaufnahme. Im Off berichtet eine Ärztin von ihrem Alltag zwischen Leben und Tod. Das Gezeigte tritt zurück – und doch entsteht ein Raum von ungeheurer Dichte. Was wirkt, ist nicht das Sichtbare selbst, sondern das, was zwischen Bild und Sprache aufscheint – das ungesagte Dritte. Hier entfaltet sich, ganz im Sinne des Essayistischen, ein Raum der Zwischenbedeutung: ein tertium datur.  Zwischen Roland Barthes’ drittem Sinn – einem kaum greifbaren Überschuss, der zwischen den Bildern vibriert – und Arnold Hausers dritter Bedeutung als historisch eingebetteter Tiefenschicht entfaltet sich ein Raum, in dem das Kino von Paravel & Castaing-Taylor nicht nur zeigt, sondern spürbar denkt.

Dass diese Arbeiten nun endlich in Berlin zu sehen sind, ist mehr als ein Glücksfall. Die Betonhalle des silent green bietet mit ihrer archaisch-kühlen Architektur genau den Resonanzraum, den diese Filme benötigen: offen, nachhallend, körperlich. Hier verwandelt sich Film in Raum, in Erfahrung, in einen Zustand zwischen Denken und Fühlen.

Breathing Matter(s) ist ein Gegenentwurf zu einer überhitzten Bildkultur. Keine Erklärung, kein Urteil, keine Eindeutigkeit – stattdessen ein fragendes Sehen, das offen lässt, was sichtbar wird. Eine filmische Erfahrung, die sich nicht verbrauchen lässt, sondern weiterarbeitet – im Kopf, im Körper, im Raum.

Retrospektive von Véréna Paravel & Lucien Castaing-Taylor

 silent green Kulturquartier, Berlin
 

 

22
JUL
2019

Keep Scrolling – Affekt, Algorithmus und die Ästhetik des Endlosen

In der Ära der Kurzvideoplattformen wie TikTok, Reels und YouTube Shorts entstehen neue Formen audiovisueller Rezeption, die klassische filmische Zeitstrukturen herausfordern. Wie lange wir schauen – und warum wir nicht aufhören – wird dabei zur entscheidenden Frage. Die empirische Studie
„Keep scrolling: An investigation of short video users’ continuous watching behavior“
von Qi Zhang, Yuling Wang und Shaizatulaqma Kamalul Ariffin liefert einen präzisen Blick auf diese Praxis – und verdient Aufmerksamkeit über den engen Rahmen wirtschaftspsychologischer Forschung hinaus.

Die Autor*innen verbinden die Theorie der Konsumwerte (TCV) mit dem Cognitive–Affective–Behavior (CAB)-Modell, um zu analysieren, wie kognitive Bewertungen (z. B. wahrgenommene Qualität oder sozialer Nutzen) emotionale Zustände wie Zufriedenheit oder Abhängigkeit formen – und wie diese wiederum das fortgesetzte Sehen beeinflussen. Besonders bemerkenswert: Werbung kann diesen affektiven Zustand stören, vor allem wenn sie als irritierend wahrgenommen wird – ein Befund, der nicht nur aus ökonomischer, sondern auch aus medienästhetischer Perspektive relevant ist.

Aus filmwissenschaftlicher Sicht öffnet sich hier ein spannender Diskursraum:
Die Ästhetik des Kurzvideos – flüchtig, affektiv, repetitiv – erzeugt neue Formen der Aufmerksamkeit, die sich nicht mehr entlang linearer Narration, sondern entlang algorithmischer Rhythmen entfalten. Das „endlose Weiterschauen“ ist nicht nur Verhalten, sondern auch Ausdruck einer zeitgenössischen Bildkultur, in der das Verhältnis von Subjekt und Bewegtbild neu verhandelt wird.

Im Sinne eines essayistischen Denkens lässt sich die Studie als Ausgangspunkt für weiterführende Überlegungen zur Affektökonomie digitaler Bilder, zur Fragmentierung von Zeit, zur Überblendung von Konsum und Kontemplation lesen. „Keep scrolling“ – das ist nicht nur eine Handlungsempfehlung aus dem Interface, sondern auch ein Imperativ unserer Zeit.

 

Studie lesen:
Qi Zhang, Yuling Wang, Shaizatulaqma Kamalul Ariffin (2024):
Keep scrolling: An investigation of short video users’ continuous watching behavior.

18
JUN
2019

Henry Fonda for President – Essayfilm über ein imaginiertes Amerika

Alexander Horwaths Henry Fonda for President ist weniger Biografie als Versuchsanordnung: ein dreistündiger Essayfilm, der von Henry Fonda ausgehend eine vielschichtige Reflexion über die Vereinigten Staaten entfaltet – als historische Realität, als mediales Konstrukt, als imaginierte Idee.

Das Essayistische dieses Films zeigt sich in der Form: Archivbilder, Landschaftsaufnahmen, Interviewzitate und persönliche Erinnerungen werden nicht dokumentarisch geordnet, sondern assoziativ verschränkt. Horwaths Voice-over – ruhig, reflektierend, europäisch geprägt – ergänzt sich mit Originaltönen aus einem Gespräch Fondas von 1981. Die Montage folgt keiner dramatischen Logik, sondern einer geistigen Bewegung: Fonda als Figur und Schauspieler wird zum Medium, durch das sich politische und kulturelle Umbrüche erzählen lassen.

Der Film begreift Kino nicht als Abbildung, sondern als Denkraum. Fondas filmisches Erbe – seine Rollen als Farmer, Richter, Präsident – verschmilzt mit historischen Wegmarken zu einem Gewebe aus Zeichen, Gesten, Blicken. Henry Fonda for President ist dabei zutiefst subjektiv, aber nicht beliebig: Er setzt auf Nähe und Distanz zugleich, auf kritische Empathie.

Horwaths essayistische Methode ist nicht retrospektiv belehrend, sondern tastend und offen: Die Geschichte der USA erscheint nicht als fertiges Narrativ, sondern als fragiles, immer wieder neu zu lesendes Archiv. Der Film ruft weniger nach Antwort als nach Aufmerksamkeit. Er macht das essayistische Denken im Kino sichtbar – in der Bewegung zwischen Fundstück und Gedankenfigur, zwischen Bild und Stimme, zwischen Erinnerung und Gegenwart.

25.
APRIL
2025

Generationen von 
Bildern, von Johannes Gierlinger

Im METRO Kinokulturhaus in Wien vom 24.-30.02.2025, ist ein sehr starker Film von Johannes Gierlinger. GENERATIONEN VON BILDERN ist ein filmischer Essay, der sich mit der Macht der Bilder und ihrer Fähigkeit, Geschichte zu konstruieren und zu verzerren, beschäftigt. Durch Archivaufnahmen aus der Diktatur wird ein Bild von Albanien unter Enver Hoxha gezeichnet, in dem Propaganda, kollektive Inszenierungen und politisch motivierte Narrative die Geschichte prägten. Doch der Film geht über das Sichtbare hinaus und sucht in den Leerstellen, in dem, was nicht erzählt wurde, nach verborgenen Erzählungen. Die Statuen, die Gedichte, die Erinnerungen – sie alle tragen die Spuren der Vergangenheit, die in der Gegenwart weiterwirken.

Diese Auseinandersetzung mit den Abwesenden und den Unausgesprochenen erinnert an die Fragestellungen, die auch in meinem eigenen Fotofilm Made in Algeria behandelt werden. In diesem Film wurde der Blick auf das Abwesende geworfen, konkret auf die Greueltaten der französischen Kolonialgeschichte, die im Geschichtsunterricht französischer Schüler_innen größtenteils unsichtbar bleiben. In beiden Werken geht es um das, was aus dem historischen Diskurs ausgeschlossen wurde, um die Bilder und Geschichten, die noch immer in den politischen und kulturellen Erzählungen verborgen sind.

Wie in Made in Algeria wird auch in GENERATIONEN VON BILDERN die Frage aufgeworfen, wie Bilder von der Vergangenheit konstruiert, archiviert und inszeniert werden. Beide Filme reflektieren über die eigene Rolle als Bilderschaffende und über die Möglichkeit, diese Bilder zu hinterfragen und in neue Erzählungen zu überführen.

Durch diese vergleichende Perspektive entsteht ein vielschichtiges Verständnis für das Verhältnis von Geschichte, Erinnerung und den Medien, die diese vermitteln – für die Möglichkeit und Notwendigkeit, das Abwesende sichtbar zu machen.

10.
April
2025

Kooperationsprojekt mit HAUNT, Jakub Šimčik und Alba D’Urbano

Im Rahmen des Kurses Künstlerische Strategien entstand 2025 das interdisziplinäre Ausstellungsprojekt Vertigo. Ziel war es, psychische Gesundheit und neurodivergente Perspektiven künstlerisch zu thematisieren – Aspekte, die häufig im Verborgenen bleiben und gesellschaftlich tabuisiert sind. Die Ausstellung wurde am 10. April in Haus 3 eröffnet und stieß auf großes Interesse.

Das Projekt wurde konzipiert in Zusammenarbeit mit dem Berliner Kunstraum HAUNT, der Künstlerin und Kuratorin Alba D’Urbano sowie dem Performer und bildenden Künstler Jakub Šimčik. Es fand unter pädagogischer Leitung innerhalb des schulischen Kontexts statt und wurde durch die Expertise der psychologischen Psychotherapeutin Nicole Florschütz begleitet.

Ausgangspunkt war eine intensive Auseinandersetzung mit der Ausstellung Disruptions bei HAUNT, kuratiert von Alba D’Urbano. In Anlehnung an deren Fragestellungen entwickelten die beteiligten Schüler*innen eigene künstlerische Positionen, die auf vielfältige Weise Themen wie sensorische Überforderung, Stigmatisierung, Isolation und das Spannungsverhältnis zwischen innerem Erleben und äußerer Erwartung verhandelten.

Die gezeigten Arbeiten umfassten Installationen, Soundarbeiten, Videos, Zeichnungen und digitale Medien. Sie boten Einblick in persönliche Erfahrungsräume und luden dazu ein, gesellschaftliche Normen und Zuschreibungen zu hinterfragen.

 

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